„Du bist doof und blöd“ schallt es mir aus dem Kinderzimmer entgegen. Ich denke nur „Puh, dicke Luft da drin!“ Unsere Söhne lieben sich ja von ganzem Herzen. Eigentlich. Aber manchmal gibt es eben doch Situationen wo einer von beiden (oder beide 😉 ) total blöd ist…oder eben anderes. (Oder auch der Papa doof ist, ich als gemein bezeichnet werde usw.) Die letzten Tage kommt dieser Satz öfter an meine Ohren, dafür wird weniger gehauen und getreten 😉

Am Anfang, als die Streitigkeiten anfingen, bin ich glaube ich so gut wie immer dazwischen gegangen. Sobald es im Kinderzimmer lauter wurde, gingen bei mir irgendwelche Alarmglocken an – schrillten hell – und ich sah mich gezwungen diesen Konflikt zu lösen. Ich dachte das unsere Jungs das sonst nicht alleine hinbekommen. Oder das der kleine dem großen weh tut, oder andersrum, oder das sonst irgendetwas eskaliert. Allerdings fühlte sich einer von beiden dann meistens nicht ganz fair behandelt, oder ich bin schon mit einer Vorwurfshaltung ins Kinderzimmer gestürzt…

Konflikte

Ich weiß heute, dass hier u.a. ein tiefer sitzender Auslöser aus meiner Kindheit mit beteiligt war, bzw. die „Streitkultur“ generell. Ich habe, wenn ich es genau betrachte, erst durch meinen Mann damals angefangen zu lernen, dass Streiten etwas konstruktives sein kann – wenn man es denn „richtig“ macht. Wobei er gerne bestrebt ist alles friedlich zu lösen und Gewitterwolken nicht so toll findet. Ich finde streiten jetzt auch nicht toll und es ist natürlich schön wenn die meisten Dinge so geklärt werden, aber ich fühle mich nach einem „guten“ Streit besser. Für mich ist es fast so wie ein Sommergewitter. Die Hitze staut sich, die Luft wird dicker, das Atmen fällt schwerer und der Streit gibt mir die Möglichkeit mich zu entladen. Die Beziehung zu entladen. Sie zu reinigen und frische Luft rein zu lassen. Und wenn man den Konflikt gemeinsam lösen konnte, fühle ich mich danach bereichert. Als ob ich eine Stufe, gemeinsam mit meinem Gegenüber, weiter gestiegen bin auf der Beziehungstreppe.

So geht es mir auch mit meinen Kindern. Wenn es Konflikte gibt, wir uns streiten und ich aber trotzdem in Beziehung zu meinen Kindern bleibe und wir gemeinsam einen Konflikt bewältigen, fühle ich mich ihnen dadurch stärker verbunden. Wir entwickeln uns zusammen weiter!

Und dafür sind Konflikte da.

Sie bewirken Veränderung und Entwicklung. Leider ist es so, dass der Begriff von vielen als negativ behaftet wahrgenommen wird. In vielen Köpfen sind noch solche Gedanken verankert wie: „in einer Familie herrscht Frieden; Geschwister müssen sich lieb haben und dürfen nicht streiten;“ Dabei gehören Konflikte zu unserem Leben dazu und wenn wir sie nicht hätten, dann würde sich nicht einmal die Samen- und Eizelle zu einem Fetus entwickeln können…

(Auszug aus: Born to be Wild – Kinder verstehen von Herbert Renz-Polster; Konflikte in der Familie – Fehler im Plan der Natur?: „Die Mutter muss in den nächsten Monaten locker mal 80.000 Kilokalorien aufbringen…und dann ist sie immerhin weitere 15 Jahre in der Pflicht, in denen sie ja auch von ihren anderen Kindern gefordert ist. Kein Zufall, dass es da zunächst ein ziemliches Hin – und Her gibt. Der Fetus muss als erstes dafür sorgen, dass er das Immunsystem der Mutter beschwichtigt – schließlich ist er, weil er ja auch väterliche Anteile enthält, für das Immunsystem der Mutter ein Fremdling. Für Ruhe sorgt er, indem er immunhemmende Stoffe abgibt, durch die um ihn herum eine Art immunologische Schutzzone entsteht. Als nächstes muss der Eindringling rasch Anschluss an die mütterliche Blutversorgung finden und dabei versuchen, die Hähne möglichst weit aufzudrehen.“

So betrachtet fängt unser Leben also schon mit einem Konflikt an. Zum Glück hat es die Evolution eingerichtet, dass wir diesen Konflikt lösen können…

Und jeden Tag stehen wir vor unzähligen Konflikten – Kaffee oder Tee, Joggen oder Ruhe, weißes oder schwarzes Hemd…

Sie gehören also zu unserem Leben dazu = Normalitätsprinzip. Nur durch einen Konflikt sind wir ja in der Lage unterschiedliche Entscheidungen zu treffen. Wir geraten in einen Widerspruch und versuchen dann mit Hilfe unserer Werte/Vorstellungen/Erfahrungen eine Lösung zu finden.

Und wir sind auch dadurch in der Lage unser Leben jederzeit verändern zu können. Hätten wir diese Möglichkeit nicht, in widersprüchliche Situationen zu geraten, würde unser Leben jeden Tag sehr vorhersehbar werden. Ok, bei vielen von uns ist es das auch geworden, weil wir keine Konflikte eingehen wollen. Wir haben Angst vor Veränderungen und davor unsere sichere Komfortzone zu verlassen. Doch gerade die Widersprüche in uns, bringen uns in Bewegung.

Widersprüche erleben heißt, sich mit möglichen Veränderungen auseinanderzusetzen. Man kann es sich in etwa so vorstellen, dass wir durch eine widersprüchliche Situation in ein Ungleichgewicht gelangen (Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Würde“ über Kohärenz und Inkohärenz). Unser Gehirn, ist bestrebt alles im Gleichgewicht zu halten und durch die zu bewältigende Entscheidung kann uns das gelingen. Bis zur nächsten Situation. In vielen Dingen ist unser Gehirn sehr bequem, es will uns sicher wissen und vor potentiellen Gefahren beschützen. Und wir haben uns Gewohnheiten angeeignet, die uns gar nicht mehr ins Ungleichgewicht bringen. Was nicht heißen muss, dass uns diese Gewohnheiten wirklich gut tun.

Ein Konflikt birgt die Möglichkeit, eine Situation von zwei Seiten zu betrachten. Das eine oder das andere? So oder so nicht? Jetzt oder lieber später? Wir können nun beide Seiten gleichberechtigt berücksichtigen, um dann eine Entscheidung zu treffen.

Und manchmal wird es zu einem Problem

Ob ein Konflikt als Problem betrachtet wird, hängt zunächst einmal von der Sichtweise auf die Situation und dem Erleben ab. Hier spielen auch Faktoren wie die individuelle Entwicklung, unser Wissen, das Verhalten eine Rolle. Auch der Blick in Bezug auf die Lösung – fühle ich mich in der Lage das Problem zu lösen, trägt dazu bei. Hinzu kommen dann natürlich eventuell weitere beteiligte Personen und deren Einschätzung. Paul Watzlawick sagte schon:

„Jeder Mensch konstruiert sich seine Wirklichkeit“

Das bedeutet, dass jeder Mensch, durch seine individuellen Erfahrungen, Entwicklungen und Prozesse, auch seine eigene Wahrnehmung oder Sichtweisen auf verschiedene Dinge hat. Für den einen besteht kein problematischer Konflikt, während ein anderer sich in einem heftigem Widerspruch befindet.

Das kann also ganz praktisch im Familienalltag bedeuten, dass ich ein Problem mit einer Situation habe und meine Kinder nicht. Zum Beispiel beim Thema Händewaschen: nach dem nach Hause kommen, ist es für mich wichtig das wir unsere Hände waschen (als ehemalige Kinderkrankenschwester malt man sich gerne mal Horror-Bakterien und die daraus entstehenden Krankheiten aus 😉 ). Meine Kinder empfinden ihre Hände aber vielleicht nicht als schmutzig und sehen es nicht immer ein, sich sofort die Hände zu waschen. Sondern es würde vielleicht reichen wenn man das vor dem Essen macht. Hier besteht eine widersprüchliche Situation zwischen uns und es liegt in meiner Verantwortung als Elternteil, diesen Konflikt verantwortungsvoll zu lösen.

Diese Lösung kann jeden Tag unterschiedlich ausfallen. Vielleicht reicht es wirklich vor dem Essen. Oder ich erkläre meinen Kindern, warum es mir JETZT wichtig ist das sie ihre Hände waschen. Bin ich klar und führe meine Kinder verantwortungsvoll können sie sich meistens darauf einlassen.

Schaffe ich es nicht, beharre ich auf meinem Standpunkt und mache Druck geraten wir in einen Streit und ich kann die Situation nicht konstruktiv mit meinen Kindern lösen. Genauso ist es natürlich mit unserem Partner, unserer Partnerin. Und die Situation fühlt sich für uns alle schlecht an. Da wir meist nicht gelernt haben, wie wir Konflikte so lösen können, dass wir hinterher das Gefühl haben einen Situation hat sich gelöst, empfinden wir Streitereien meist als etwas schlechtes.

Sich gut zu streiten funktioniert nicht von heute auf morgen. Es braucht immer wieder Übung, Geduld und Verständnis – vor allem sich selbst gegenüber.

Ein paar Impulse wie wir „richtig“ streiten können, gebe ich dir ein anderes Mal mit.

Bis dahin alles Liebe,

deine Maria

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